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Selbst an einem vorschriftsmäßig abgesicherten Arbeitsplatz lassen sich nicht alle Risiken restlos ausschließen und es kann zu Unfällen kommen. In diesem Fall sind Arbeitnehmer durch den Versicherungsschutz der gesetzlichen Unfallversicherung abgesichert. Welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen, welche Abläufe einzuhalten sind und was passiert, wenn die Arbeit nach dem Unfall nicht mehr aufgenommen kann, erfahren Sie in diesem Ratgeber.

Was ist ein Arbeitsunfall?

Arbeitgeber sind verpflichtet, ihre Mitarbeiter durch die Einhaltung von Vorschriften und Verordnungen bestmöglich vor Unfällen zu schützen, beispielsweise durch die korrekte Baustelleneinrichtung oder vorschriftsmäßige Anwendung von persönlicher Schutzausrüstung (PSA). Damit ein Unfall während der Arbeitszeit als Arbeitsunfall eingestuft wird, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein:

  1. Der Unfall muss mit der Ausführung der versicherten Tätigkeit zusammenhängen. Das gilt sowohl für die Arbeitsaufgabe selbst als auch für Arbeitswege.
  2. Der Unfall darf nicht Folge einer vorher bestehenden Erkrankung sein.
  3. Der Unfall darf nicht durch Alkohol- oder Drogenkonsum verursacht werden.
  4. Der Unfall darf nicht vorsätzlich herbeigeführt werden.

Ob es sich um einen Arbeitsunfall handelt, wird in § 8 des Siebten Sozialgesetzbuches festgelegt.

DefinitionBeispiele
Arbeitsunfall– Angeordnete Bedienung von Maschinen
– Notwendige Fahrt über das Betriebsgelände
– Teilnahme an Schulungen und Weiterbildungen
– Umweg zur Arbeit aufgrund von Zwischenfällen im Straßenverkehr oder öffentlichen Nahverkehr
– Abstecher vom Arbeitsweg, um Kinder zur Schule und Kita zu bringen bzw. von dort abzuholen
– Weg zur Toilette  
Kein Arbeitsunfall– Berufskrankheiten
– Unfälle bei privaten Erledigungen in der Mittagspause oder auf dem Arbeitsweg, z. B. nicht akuter Arztbesuch in der Mittagspause
– Andere Verletzungen, die nicht von der Arbeit verursacht wurden (Bandscheibenvorfall, Herzinfarkt, epileptischer Anfall, …)
– Toilettengang an sich    

Nicht immer ist eindeutig, unter welchen Bedingungen es sich um einen arbeitsbedingten Unfall handelt. Was ist, wenn es bei der Arbeit zu Hause oder in der Probezeit etwas passiert?

  • Arbeitsunfall im Home Office: Die gesetzliche Unfallversicherung greift nur bei Unfällen, die unmittelbar an Ihrem Arbeitsplatz (üblicherweise dem Schreibtisch) passieren. In anderen Räumen und auf dem Weg dorthin sind Sie nicht versichert.
  • Arbeitsunfall in der Probezeit: Der Schutz der Unfallversicherung ist nicht an die Probezeit gebunden. Er ist automatisch gültig, sobald Sie vier Monate im Unternehmen beschäftigt sind.
  • Arbeitsunfall während Kurzarbeit: Auch während der Kurzarbeit sind Arbeitnehmer unfallversichert. Die Höhe der Lohnfortzahlung nach einem arbeitsbedingten Unfall richtet sich nach der Höhe des zuletzt erhaltenen Lohns.
  • Arbeitsunfall unter Drogen- oder Alkoholeinfluss: Wurde der Unfall durch den Konsum von Betäubungsmitteln verursacht, besteht kein Anspruch auf die Leistungen der Unfallversicherung.

Sonderfall Wegeunfall

Ein Sonderfall des Arbeitsunfalls ist der Wegeunfall. Bei Unfällen, die auf dem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit nach Hause geschehen, handelt es sich um Wegeunfälle. Darunter fallen auch Unfälle auf dem Weg zur Toilette, Kantine oder in der Mittagspause. Allerdings: Während des Essens, der Kaffeepause oder des Toilettengangs erlischt der Versicherungsschutz. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass private Tätigkeiten, die während Arbeits- oder Pausenzeiten ausgeführt werden, nicht versichert sind.

Ob es sich um einen arbeitsbedingten Unfall handelt oder nicht, lässt sich nicht immer eindeutig zuordnen, im Zweifelsfall muss das Gericht entscheiden. Versicherungsrechtlich sind Arbeitsunfall und Wegeunfall gleichgestellt. In der Statistik allerdings werden sie getrennt erfasst, um ein konkretes Bild der Gefahrensituationen zu vermitteln. Die Statistik der DGUV zum Arbeitsunfallgeschehen im Jahr 2019 führt 812.450 Arbeitsunfälle und 180.601 Wegeunfälle auf.

Unterschied zwischen Arbeitsunfall und Berufskrankheit

Der Arbeitsunfall wird scharf abgegrenzt von der Berufskrankheit, da dieser andere Ursachen zugrunde liegen und für beide Vorkommnisse unterschiedliche versicherungsrechtliche Bestimmungen greifen.

DefinitionMerkmale und Entstehung
Arbeitsunfall– ereignet sich als Folge der Ausübung einer versicherten Tätigkeit
– geschieht plötzlich, zeitlich begrenzt
– wirkt von außen auf den Körper ein
– führt zu einem Gesundheitsschaden
– oder zum Tod der versicherten Person  
Berufskrankheit– entwickelt sich langsamer
– Ursachen: gesundheitsgefährdende Bedingungen
– Beispiele: Umgang mit Asbest oder Chemikalien
– kann zeitverzögert auftreten
– führt zu Gesundheitsschäden der versicherten Person

Was zahlt die gesetzliche Unfallversicherung beim Arbeitsunfall?

Sind die genannten Voraussetzungen für einen Arbeitsunfall gegeben, sind Sie als Arbeitnehmer durch die gesetzliche Unfallversicherung abgesichert. Auch Schüler, Teilnehmer einer Weiterbildung und Ersthelfer im Einsatz sind in der gesetzlichen Unfallversicherung abgesichert. Eine Anmeldung erfolgt durch den Arbeitgeber bei der zuständigen Berufsgenossenschaft. Dieser Versicherungsschutz garantiert Anspruch auf:

  • Behandlungs- und Rehabilitationskosten
  • Verletztengeld in Höhe von 80 Prozent des Bruttogehalts (nachdem die sechswöchige Lohnfortzahlungspflicht des Arbeitgebers erloschen ist)
  • Verletztenrente bzw. Pflegegeld
  • Kinderbetreuungskosten
  • Umschulungskosten

Auch wenn Sie den Arbeitsunfall durch Eigenverschulden selbst verursacht haben, greift die gesetzliche Unfallversicherung – solange Sie ihn nicht vorsätzlich herbeigeführt haben. Gleiches gilt auch für Arbeitgeber: Bei erwiesener Vorsätzlichkeit sind Sie vollständig haftbar und müssen für sämtliche durch den Unfall entstandenen Schäden und Kosten aufkommen.

How to: So sollten Sie bei einem Arbeitsunfall vorgehen

  1. Bewahren Sie Ruhe.

    Kommt es zu einem Unfall im Rahmen der Arbeitstätigkeit, sollten Beteiligte zunächst ruhig und besonnen bleiben.

  2. Holen Sie Hilfe.

    Sofern Sie Ersthelfer im Betrieb haben, die sich um das Unfallopfer kümmern können, holen Sie diese an den Unfallort

  3. Sichern Sie die Unfallstelle.

    Sicherung und Begutachtung der Unfallstelle durch den Arbeitgeber unter Beteiligung von Zeugen, Sicherheitsfachkräften und den für das Unfallopfer zuständigen Führungskräften. Tipp: Machen Sie Fotos von den Folgen des Arbeitsunfalls und erstellen Sie ein Protokoll zum genauen Ablauf. Was ist wann wie passiert? Notieren Sie diese Informationen, um den Vorgang möglichst genau bei der Versicherung angeben zu können.

  4. Untersuchung beim Durchgangsarzt

    Auch wenn es sich nicht um einen medizinischen Notfall handelt, sollte das Unfallopfer direkt nach dem Arbeitsunfall von einem Durchgangsarzt untersucht werden. Dieser dokumentiert den Unfall und schlägt die notwendigen Behandlungen vor.

  5. Melden Sie den Unfall.

    Damit die gesetzliche Unfallversicherung greift, muss der Unfall von der zuständigen Berufsgenossenschaft anerkannt werden. Dafür besteht für jeden Arbeitsunfall eine Meldepflicht, wenn das Unfallopfer länger als drei Tage arbeitsunfähig ist. Die Meldung muss durch den Arbeitgeber innerhalb von drei Tagen erfolgen. Da im Moment des Unfalls nicht abzusehen ist, welche langfristigen Folgen er hat, sollten auch scheinbar harmlose Unfälle bei der Berufsgenossenschaft gemeldet werden. Bei einem tödlichen Arbeitsunfall muss die Meldung sofort erfolgen.

Welche Leistungen erhalten Arbeitnehmer nach einem Arbeitsunfall?

Nach einem Unfall am Arbeitsplatz und daraus resultierender Erwerbsunfähigkeit haben Arbeitnehmer das Recht auf eine sechswöchige Lohnfortzahlung. Bedingung ist, dass der Mitarbeiter zum Zeitpunkt des Unfalls mindestens vier Monate im Unternehmen beschäftigt war. Sind Sie nach dem Unfall länger als sechs Wochen krank, erhalten Sie die Zahlungen der Unfallversicherung durch Ihre Krankenkasse. Dieses „Krankengeld“ nennt sich beim Arbeitsunfall Verletztengeld.Es beträgt 80 Prozent des vertraglichen Bruttolohns.

Bleibt ein Arbeitnehmer aufgrund von Folgeschäden nach einem Arbeitsunfall längerfristig arbeitsunfähig, wird zunächst versucht, die Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Hierfür unterstützt die Unfallversicherung eine Wiedereingliederung ins Arbeitsleben und übernimmt die Kosten für Reha- und Wiedereingliederungsmaßnahmen. Neben Therapien und Medikamenten kann das zum Beispiel ein Schonarbeitsplatz sein, an dem Sie nach dem Unfall langsam wieder in die Betriebsabläufe eingebunden werden.

Greifen alle diese Maßnahmen nicht und der Arbeitnehmer bleibt dauerhaft arbeitsunfähig, kann das Verletztengeld in eine Verletztenrente, auch Unfallrente genannt, umgewandelt werden. Voraussetzung dafür ist, dass der Arbeitnehmer mindestens ein halbes Jahr lang in seiner Erwerbsfähigkeit um mindestens 20 % beeinträchtigt ist. Neben dem Scheitern von zuvor versuchten Therapieoptionen erfolgt vor jeder Rentenfeststellung eine ärztliche Begutachtung sowie eine individuelle Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit. Die letztliche Entscheidung darüber, ob eine Unfallrente gewährleistet wird, trifft der Rentenausschuss des zuständigen Unfallversicherungsträgers.

Die Leistungen der Unfallversicherung gehen weit über die von Krankenkassenleistungen hinaus. Deswegen sollten sich auch Unternehmer und Selbstständige in besonders gefährdeten Berufen vor den Folgen eines Arbeitsunfalls absichern. Hierfür können Sie bei der Berufsgenossenschaft eine freiwillige Mitgliedschaft beantragen.

Darf auf den Unfall eine Kündigung folgen?

Ein Arbeitsunfall hat keinen Einfluss auf die vertraglich vereinbarten Kündigungsfristen. Der Arbeitgeber muss immer triftige und objektive Gründe für den Ausspruch der Kündigung nachweisen können. Gerichtsurteile werden in dieser Frage häufig zugunsten des Arbeitgebers gefällt. Folgende Gründe können eine Kündigung legitimieren, da sie dem Unternehmen finanziellen Schaden zufügen können:

  • der lange Arbeitsausfall eines Angestellten
  • eine verminderte Leistungsfähigkeit nach dem Unfall

FAQ zum Arbeitsunfall

Was ist zu tun nach einem Arbeitsunfall?

Zunächst muss die Unfallstelle gesichert und begutachtet sowie der Unfallhergang dokumentiert werden. Das Unfallopfer muss sich von einem Durchgangsarzt untersuchen lassen, der Arbeitgeber meldet den Unfall spätestens am dritten Tag nach Kenntnis der zuständigen Berufsgenossenschaft.

Ab wann ist ein Arbeitsunfall meldepflichtig?

Arbeitsunfälle, bei denen das Unfallopfer länger als drei Tage nicht arbeitsfähig ist, müssen vom Arbeitgeber spätestens am dritten Tag nach Kenntnisnahme der Berufsgenossenschaft gemeldet werden. Bei einem tödlichen Unfall muss die Meldung hingegen unverzüglich erfolgen.

Wer zahlt bei einem Arbeitsunfall?

Nach dem Unfall erfolgt die Lohnfortzahlung für den Zeitraum von 6 Wochen durch den Arbeitgeber. Danach übernimmt Unfallversicherung und zahlt über die Krankenkasse 80 Prozent des vertraglich vereinbarten Bruttolohns.

Welche Leistungen gibt es bei der Unfallversicherung?

Der Versicherungsschutz durch die Berufsgenossenschaft garantiert Ihren Anspruch auf Behandlungs- und Rehabilitationskosten, Verletztengeld in Höhe von 80 Prozent des Bruttogehalts (nachdem die sechswöchige Lohnfortzahlungspflicht des Arbeitgebers erloschen ist), Verletztenrente bzw. Pflegegeld, Kinderbetreuungskosten, Umschulungskosten.

Ist man während der Pause versichert?

Private Tätigkeiten, die während der Pausenzeiten ausgeführt werden, sind nicht versichert. Gehen Sie jedoch lediglich in der Mittagspause zum nächstgelegenen Imbiss und stürzen auf dem Weg dorthin, wird das als Arbeitsunfall in der Pause anerkannt.

Ist der Weg zur Kantine versichert?

Haben Sie auf dem Weg zur Kantine oder von der Kantine zurück an den Arbeitsplatz einen Unfall, gilt dieser als Arbeitsunfall. Nicht versichert sind Sie hingegen während des Aufenthalts in der Kantine.

Bin ich auf der Arbeit auf Toilette versichert?

Auf dem Weg zur Toilette und zurück sind Sie versichert. Nicht versichert sind Sie hingegen während des Aufenthalts in der Toilette.

Was ist ein Durchgangsarzt?

Durchgangsärzte sind von der Berufsgenossenschaft anerkannte Chirurgen oder Orthopäden, die eine Zusatzqualifikation für die Bewertung und Aufnahme von Arbeitsunfällen haben. Der Durchgangsarzt dokumentiert den Ablauf des Arbeitsunfalls sowie die gesundheitlichen Folgen und schlägt notwendige Behandlungen vor.

Bitte beachten Sie: Die hier erwähnten Vorschriften sind nur eine Auswahl der wichtigsten gesetzlichen Vorgaben. Detaillierte Informationen lesen Sie dazu in den aufgeführten und ggf. weiteren Vorschriftensammlungen und Gesetzestexten nach. Bei der konkreten Umsetzung im Betrieb können und sollten im Zweifel außerdem Sachverständige hinzugezogen werden.

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